Antibiotika-Visite und Antibiotic Stewardship: Qualitätssicherung für den Antibiotika-Einsatz

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Wenn sich Anästhesie-Oberarzt Dr. Pierre Bonett, Chefarzt Dr. Thomas Klein, Apothekerin Petra Triptrap, Mikrobiologin Dr. Nilma Kamp und Hygienefachkraft Annette von Werden auf der Intensivstation treffen, steht die wöchentliche Antibiotika-Visite an. Mit dieser speziellen Visite setzen die Experten eine zentrale Maßnahme des „Antibiotic Stewardship“ (ABS) um - ein Programm, das die Bundesregierung zur Pflicht für alle Krankenhäuser machen will und das gleichermaßen für die Infektionsprävention wie für die Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen steht.

„Die Antibiotika-Visite haben wir am St. Josef-Krankenhaus Kupferdreh schon vor gut drei Jahren eingeführt“, schildert Dr. Pierre Bonett, der als ABS-beauftragter Arzt die Arbeitsgruppe leitet. Gemeinsam mit Chefarzt Dr. Thomas Klein hat er die Ausbildung zum Antibiotic Steward absolviert. Seither verfolgen sie den Weg konsequent: „Wir sind überzeugt, dass der wohl überlegte und gezielte Antibiotika-Einsatz von grundlegender Bedeutung für die Behandlung unserer Patienten ist, denn damit lässt sich die Gefahr von Infektionen durch multiresistente Keime reduzieren“, sind sich die Ärzte einig.

Bewusstsein schaffen, Wissen vermitteln

Seit der Einführung der Antibiotika-Visite hat sich viel getan. „Wir sorgen vor allem dafür, dass der Einsatz von Antibiotika bei jedem Patienten hinterfragt wird. Medikamentenauswahl, Dosierung, Applikation und Anwendungsdauer müssen individuell festgelegt werden, um den größtmöglichen Behandlungserfolg bei möglichst geringen Nebenwirkungen zu erreichen“, so Bonett. Besonderes Augenmerk gilt den Patienten auf der Intensivstation, da sie besonders anfällig für Infektionen sind. Bereits bei der Aufnahme und während der gesamten Behandlung werden regelmäßig Proben von verschiedenen Körperregionen entnommen und mikrobiologisch untersucht. So kann rechtzeitig eine mögliche Besiedlung mit multiresistenten Keimen erkannt werden. Bei der Antibiotika-Visite kontrollieren die Ärzte, welche Keime vorhanden sind und legen die Art des Antibiotikums, die Dosierung und die Dauer der Anwendung fest. Der Anästhesist Dr. Pierre Bonett steckt rund zehn bis fünfzehn Prozent seiner Arbeitszeit in die Antibiotika-Visite. Er steht auch seinen ärztlichen Kollegen beratend zur Seite, spricht Empfehlungen für die Medikamentenwahl aus, nimmt Proben. Täglich erreichen ihn bis zu zehn Anfragen aus den Bereichen Intensivmedizin, Innere Medizin, Chirurgie oder Plastische Chirurgie. „Die Akzeptanz in der Ärzteschaft ist groß. Die Kollegen empfinden unsere Arbeit als Unterstützung und  sind dankbar, wenn sie sehen, dass es den Patienten besser geht.“

Qualitätssicherung: Standards, messbare Daten und Kontrollen

Um den Antibiotika-Einsatz zu reduzieren und Keime frühzeitig zu erkennen, werden an den Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel mehrere ABS-Maßnahmen gebündelt. Neben den zielgerichteten Empfehlungen, bestimmte Medikamente für bestimmte Infektionen einzusetzen, zählt auch das Aufnahmescreening auf Multiresistente Erreger dazu, das alle stationären Patienten durchlaufen. Nur regelmäßige Kontrollen bieten die Chance, Defizite zu erkennen und zu beheben. Daher werden in der monatlichen Erregerstatistik Art und Zahl der ermittelten Keime festgehalten. Bei der Antibiotika-Behandlung der Patienten greifen die Ärzte auf einen Antibiotika-Leitfaden zurück, der gemeinsam mit den Apothekern erarbeitet wurde. In Form eines kleinen Booklets in Kitteltaschen-Format und elektronisch im Intranet steht der Antibiotika-Leitfaden jedem Arzt zur Verfügung. Ebenfalls ein wichtiger Schritt: Reserveantibiotika, die im Ernstfall die letzte wirksame Waffe gegen multiresistente Keime sind, dürfen nur noch nach Freigabe durch einen Oberarzt gegeben werden. Die ABS-Arbeitsgruppe hat sich außerdem mittelfristig zum Ziel gesetzt, strukturiert zu erfassen, welcher Arzt welches Medikament angeordnet hat.

Eine Frage der Dosis – Kontrollinstrument Blutspiegelmessung

Trotz Einsatzes hochwirksamer Medikamente sterben auf Intensivstationen viele Patienten an Infekten. „Wir haben festgestellt, dass schwerkranke Patienten, denen wir selbst mit hochwirksamen Antibiotika nicht helfen konnten, von einer kontrollierten Höherdosierung profitieren“, berichtet Dr. Pierre Bonett. „Wir begleiten die Antibiotika-Therapie durch Blutspiegelmessungen, um sicherzustellen, dass konstant eine ausreichende Konzentration des Medikaments erreicht wird.“ Infusionen werden dann beispielsweise statt in einer über vier Stunden gegeben, so dass der Spiegel über einen längeren Zeitraum gehalten werden kann. Deutlich weniger Antibiotika im Einsatz Der Blick auf die Verbrauchsstatistik zeigt: Seit die Antibiotika-Einsatz konsequent kontrolliert und optimiert wird, konnte der Gesamtverbrauch an Antibiotika deutlich gesenkt werden. Auch der Verzicht auf Mittel mit starken Nebenwirkungen zahlt sich aus. So konnte erreicht werden, dass Patienten seltener an Clostridien-Colitis leiden, (durch Antibiose bedingter Durchfall), weil weniger Cephalosporine eingesetzt wurden. Was in erster Linie der Gesundheit der Patienten zugutekommt, lässt sich zudem in Kostenersparnis ausdrücken. „Allein bei den Antibiotika haben wir in den letzten drei Jahren über 50.000 Euro eingespart“, resümiert Dr. Bonett. 

Es ist geplant, künftig weitere Ressourcen für das Antibiotic Stewardship zu schaffen. Die gesetzlichen Forderungen, die voraussichtlich ab 2019 pro 250 Betten-Haus eine halbe Oberarztstelle für ABS-Aufgaben vorsehen, möchte das Team an den Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel gern bereits im Vorfeld erfüllen.

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